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Essstörungen: Warum mehr Jugendliche betroffen sind

Rothaariges Mädchen betrachtet sich im Spiegel
Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter Essstörungen. | Bild: alex_marina / AdobeStock

Essstörungen treten vor allem in Lebensphasen mit Umbrüchen auf. Unsicherheit und schwankendes Selbstwertgefühl können den Boden dafür bereiten. 

Gerade bei Mädchen in der Pubertät lassen Zufriedenheit mit dem Aussehen und positive Gefühle dem eigenen Körper gegenüber nach. Da kann dann schon eine unbedachte Bemerkung wie „Du solltest echt mal abnehmen!“ den Auslöser für die Krankheit geben.

Was zeichnet eine Essstörung aus?

„Von einer Essstörung spricht man, wenn das Essverhalten und das Körperbild eines Menschen gestört sind“, erklärt Friederike Schneider-Hanses, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin der DRK-Kinderklinik Siegen in einer Pressemitteilung. 

Typischerweise kreisten die Gedanken zunehmend um Nahrung, Kalorienwerte und das eigene Aussehen. Gleichzeitig verändere sich die Art und Menge der Mahlzeiten stark, außerdem würde häufig viel Sport getrieben.

„Mit Essstörungen gehen meist körperliche und seelische Schäden einher“, so die Psychotherapeutin weiter. „Die Krankheitsbilder können dabei sehr ernste Konsequenzen haben – in Extremfällen sogar bis hin zum Tod.“

Zur Erinnerung: Die drei häufigsten Essstörungen

Magersucht (Anorexia nervosa): Betroffene hungern bis hin zu einem lebensbedrohlichen Untergewicht. Dennoch haben sie panische Angst, dick zu werden. Ihr Gewicht und ihren Körper nehmen sie verzerrt wahr. Die Kontrolle über ihr Gewicht stellt für Anorexie-Patienten die Basis ihres Selbstwertgefühls dar.

Bulimie (Ess-Brechsucht, Bulimia nervosa): Aufgrund eines anfallsweise auftretenden Verlangens nach Essen nehmen die Betroffenen in kürzester Zeit unkontrolliert sehr große Mengen zu sich. Aus Angst vor einer Gewichtszunahme erbrechen sie nach den Essanfällen oder missbrauchen Abführmittel.

Binge-Eating-Störung: Betroffene leiden an wiederkehrenden, unkontrollierbaren Essanfällen. Im Gegensatz zur Bulimie ergreifen sie aber keine Gegenmaßnahmen. Dies führt meist zu starkem Übergewicht oder Adipositas.

Doppelt so viele Mädchen wegen Essstörungen im Krankenhaus

Im Jahr 2024 sind doppelt so viele Mädchen und junge Frauen im Alter von zehn bis 17 Jahren wegen Essstörungen im Krankenhaus behandelt worden wie vor 20 Jahren. Die Zahl stieg von etwa 2.800 im Jahr 2004 auf rund 6.000 im Jahr 2024, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

Damit machten Mädchen und junge Frauen im Alter von zehn bis 17 Jahren 2024 fast die Hälfte (48,1 Prozent) aller wegen Essstörungen behandelten Personen aus. 20 Jahre zuvor lag ihr Anteil bei 24,9 Prozent.

Insgesamt wurden 2024 etwas mehr Menschen wegen Essstörungen behandelt. Die Zahl stieg im Vergleich zum Vorjahr um 2,2 Prozent auf 12.400 Fälle. Die häufigsten Diagnosen waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts Magersucht mit 9.000 Behandlungsfällen und Bulimie mit 1.300 Fällen.

„Über alle Altersgruppen hinweg werden Mädchen und Frauen häufiger wegen Essstörungen stationär behandelt als Jungen beziehungsweise Männer“, schrieben die Statistiker. 2024 waren demnach 92,9 Prozent der wegen Essstörungen stationär behandelten Personen Frauen. 2004 lag der Frauenanteil bei 88,5 Prozent. Quelle: Deutsches Ärzteblatt / vs 

Ursachen für Essstörungen

Einen Grund für die Zunahme von Essstörungen sehen Experten vor allem in gesellschaftlichen Einflüssen durch bestimmte Schönheitsideale oder Schlankheitsdruck. Dies wurde mit Etablierung der Social-Media-Plattformen noch verstärkt, denn diese vermitteln häufig ein unrealistisches und teils gar gefährliches Körperideal. Hinzu kommen virtuelle Challenges, bei denen Jugendliche sich z. B. darin messen, wer am meisten innerhalb eines bestimmten Zeitraums abnimmt.

Auch die Isolation während der Corona-Pandemie kann zur Entwicklung der Fallzahlen beigetragen haben. In dieser Zeit beschäftigten sich Jugendliche mangels Alternativen verstärkt mit digitalen Medien, während gleichzeitig der Kontakt zum realen Leben und echten Menschen „ohne Filter“ entfiel.

Essstörungen sind jedoch noch von verschiedenen anderen Faktoren abhängig. Dazu gehören genetische Grundlagen und Persönlichkeitsmerkmale wie etwa Perfektionismus. Viele Betroffene haben ein falsches Selbstbild und/oder Schwierigkeiten, mit negativen Emotionen angemessen umzugehen. 

„Insbesondere bei der Magersucht spielt der Wunsch nach Kontrolle und ein ausgeprägter Leistungsgedanke eine große Rolle“, so Friederike Schneider-Hanses. Da Abnehmen Glückshormone auslöse, hätten die Betroffenen das Gefühl, etwas zu leisten und erfolgreich zu sein. Um dieses Gefühl aufrechtzuerhalten, würde sodann immer weiter abgenommen.

Gut zu wissen: Behandlungseinsicht oft nicht gegeben

Durch die verzerrte Körperwahrnehmung erkennen Menschen mit Essstörung oft selbst nicht, dass sie zu dünn sind. Häufig empfinden sie sich nach wie vor als „zu dick“. Daher ist ihnen die Notwendigkeit einer Therapie oft nicht bewusst.

Prävention von Essstörungen: Das können Eltern tun

Eine entscheidende Rolle bei der Vorbeugung von Essstörungen spielt außerdem das soziale und familiäre Umfeld. Insbesondere Eltern können durch ihr eigenes Verhalten und den Umgang mit Ernährung, Körperbild und Selbstwertgefühl wichtige Impulse setzen und frühzeitig Strategien entwickeln, um einem gestörten Essverhalten entgegenzuwirken.

  • Selbstwertgefühl stärken: Alles, was das Selbstbewusstsein und die Selbstannahme fördert, wirkt präventiv. Eltern sollten ihren Kindern vorleben, dass Unzulänglichkeiten und Fehler zum Leben dazugehören.
  • Gesundes Körperbewusstsein fördern: Eltern können ein positives Körpergefühl fördern, z. B. durch Freude an Bewegung und ein respektvoll-zärtliches Miteinander. Kritische Bemerkungen über die Figur sollten unterbleiben.
  • Gutes Ernährungsverhalten vorleben: Bei gemeinsamen Mahlzeiten können Eltern mit gutem Beispiel vorangehen – durch eine gesunde und gleichzeitig genussvolle Ernährung. Machtspiele und Zwang beim Essen sollte es nicht geben. Umgekehrt sollten Essen oder Süßigkeiten nicht als Belohnung, Trost oder Liebesersatz eingesetzt werden.
  • Übergewicht vorbeugen: Ein normales Körpergewicht in der Kindheit – durch gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung – beugt späteren Essstörungen vor.
  • Kein Smalltalk über das Gewicht: Eltern sollten sich den Smalltalk über das eigene Gewicht und das der anderen Familienmitglieder verkneifen. Studien zeigen, dass schon kleine Mädchen verunsichert sind, wenn ihre Mütter mit dem eigenen körperlichen Erscheinungsbild unzufrieden sind.
  • Keine Diät für Heranwachsende: Durch eine radikale Diät können Teenager leicht in eine Essstörung rutschen. Heranwachsende, für die ein Gewichtsverlust sinnvoll wäre, sollten nur langsam abnehmen und dabei ärztlich begleitet werden.
  • Kritisches Medienbewusstsein fördern: Eltern sollten ihre Kinder dazu anregen, typisch männliche und weibliche Rollenzuweisungen zu hinterfragen. Dazu gehören auch gängige Schönheitsideale. Hierfür ist es wichtig, dass Kinder ein kritisches Medienbewusstsein entwickeln.

Was tun, wenn eine Essstörung vermutet wird?

Besteht der Verdacht einer Essstörung, sollten Eltern mit Fingerspitzengefühl vorgehen. Friederike Schneider-Hanses rät in diesem Fall, gezielte Nachfragen zu stellen, z. B. „Was bedrückt oder belastet Dich?“ oder „Wie können wir Dir helfen?“. 

„Im Ernstfall sollten die Eltern mit ihrem Nachwuchs zügig den Kinderarzt aufsuchen – auch wenn es gegen den Willen des Kindes ist. Er kann wiegen, die Größe messen und abklären, ob wirklich Grund zur Sorge besteht.“ Quellen:
- Deutsches Grünes Kreuz e.V.
- Bundesministerium für Gesundheit
- DRK-Kinderklinik Siegen gGmbH
- https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/154118/Weltweiter-Anstieg-von-Essstoerungen-nach-der-Coronapandemie