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Was ist eigentlich das Dravet-Syndrom?

Kinder mit dem Dravet-Syndrom entwickeln sich nach der Geburt zunächst ganz normal – bis sie im Alter von circa drei bis neun Monaten ihren ersten epileptischen Anfall erleiden. Ab dann kommt es meist zu einem ernsten Verlauf.
Wie äußert sich das Dravet-Syndrom?
Der erste Anfall beim Dravet-Syndrom tritt überwiegend in Verbindung mit Fieber auf. Später können die Krampfanfälle auch durch andere Faktoren ausgelöst werden, zum Beispiel durch Hitzetemperaturen, körperliche Belastung, starke Emotionen, Übermüdung, Lärm, schnellen Licht-Dunkel-Wechsel oder Infekte. Manche Anfälle treten aber auch ohne erkennbare Auslöser auf.
Charakteristisch für die Anfälle der betroffenen Kinder sind Muskelzuckungen (Myoklonien). Daher wird das Dravet-Syndrom auch als schwere myoklonische Epilepsie des Kindesalters bezeichnet. Die Anfälle sind individuell unterschiedlich stark ausgeprägt und treten unterschiedlich häufig auf.
Immer wieder können sich auch schwere, langanhaltende Krampfzustände ereignen (Status epilepticus). Diese sind grundsätzlich lebensgefährlich, da es zum Herz-/Atemstillstand (plötzlicher Epilepsietod) kommen kann. Lange Anfälle müssen daher oft notärztlich durchbrochen werden.
Gravierende Entwicklungsstörungen beim Dravet-Syndrom
Nachdem es zu einem ersten epileptischen Anfall gekommen ist, macht sich das Dravet-Syndrom in den meisten Fällen noch in anderer Weise bemerkbar: Das Kind entwickelt sich nicht normal weiter und zeigt schwere neurologische Beeinträchtigungen.
Charakteristisch sind insbesondere eine verzögerte oder fehlende Sprachentwicklung, Gang- und Balancestörungen, Schlafabnormitäten und Verhaltensauffälligkeiten. Bei der Mehrzahl der Kinder kommt es im weiteren Krankheitsverlauf zu einem fortschreitenden kognitiven Abbau, sodass die Betroffenen intellektuell beeinträchtigt sind.
Das Dravet-Syndrom zählt daher zu den Enzephalopathien – also Schädigungen des Gehirns mit neurologischen Symptomen. Allerdings verläuft die Krankheit individuell unterschiedlich, sodass man kaum vorhersagen kann, wie sich ein Kind mit Dravet-Diagnose langfristig entwickeln wird. Es gibt auch günstige Verläufe, bei denen Kinder sogar einen Schulabschluss erzielen.
Das Dravet-Syndrom ist glücklicherweise eine seltene Erkrankung. Sie betrifft in Deutschland circa eine von 15.000 Personen. Namensgeberin ist die französische Epileptologin Dr. Charlotte Dravet (geb. 1936), die 1978 diese Epilepsie-Art beschrieb.
Dravet-Syndrom wird durch Genmutation ausgelöst
Die Ursache des Dravet-Syndroms ist genetischer Natur. Es liegt eine Mutation im SCN1A-Gen auf Chromosom 2 vor. In nur 10 Prozent der Fälle ist diese Mutation von den Eltern vererbt – überwiegend tritt sie spontan auf. Mit einem Gentest lässt sich die Krankheit nachweisen.
Die Mutation auf dem SCN1A-Gen hat zur Folge, dass bestimmte spannungsabhängige Natriumkanäle im Gehirn nicht mehr gut durchlässig sind. Da sich diese Natriumkanäle auf hemmenden Neuronen befinden, wird die Entladungsschwelle von Nervenzellverbänden herabgesetzt, was epileptische Anfälle begünstigt.
Therapie des Dravet-Syndroms ist herausfordernd
Das Dravet-Syndrom ist schwierig zu behandeln. Nur wenige Antiepileptika haben sich bewährt, darunter Clobazam, Kaliumbromid, Stiripentol, Topiramat und Valproat. Häufig müssen mehrere Wirkstoffe kombiniert werden.
Als Zusatzmedikation für Kinder ab zwei Jahren stehen seit ein paar Jahren Cannabidiol (Epidyolex®) sowie das Amphetaminderivat Fenfluramin (Fintepla®) zur Verfügung.
Oft sprechen epileptische Anfälle beim Dravet-Syndrom kaum oder gar nicht auf die zur Verfügung stehenden Medikamente an. Große Hoffnungen ruhen daher auf möglichen neuartigen Arzneimitteln. Dazu gehört der in klinischer Prüfung befindliche Wirkstoff Bexicaserin. Er aktiviert einen speziellen Serotonin-Rezeptor im Gehirn und soll auf diese Weise die neuronale Erregung stabilisieren.
Ebenfalls in klinischer Prüfung befindet sich Zorevunersen. Es könnte sich um den ersten krankheitsmodifizierenden Wirkstoff handeln, da er darauf abzielt, die gesunde (Wildtyp-)Kopie des SCN1A-Gens zu aktivieren. Damit soll die Produktion des Natriumkanalproteins angekurbelt werden.
Erfolg verspricht man sich außerdem von gentechnischen Eingriffen ins Erbgut von Patienten, die vielleicht zukünftig möglich sind. Quellen:
- Dravet-Syndrom e.V.
- Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)
- Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
- orpha.net
- Stoke Therapeutics
- Desitin Arzneimittel GmbH
Dravet-Syndrom in Kürze
- Seltene, schwere, genetisch bedingte Epilepsie-Erkrankung (auch als schwere myoklonische Epilepsie des Kindesalters bezeichnet); zählt zu den epileptischen Enzephalopathien, da geistige Beeinträchtigungen auftreten.
- Bei Geburt unauffällig; äußert sich im ersten Lebensjahr durch ersten epileptischen Anfall, häufig Fieber-induziert. Im Krankheitsverlauf meist weitere, evtl. schwere Krampfanfälle, außerdem Entwicklungsverzögerung, motorische Störungen, kognitiver Abbau. Verlauf individuell sehr unterschiedlich.
- Ursache: Mutation (überwiegend spontan auftretend) auf SCN1A-Gen, das für bestimmten Natriumkanal im Gehirn kodiert; dadurch mangelnde neuronale Erregungshemmung.
- Therapie: Nur wenige Antiepileptika (z. B. Valproat, Topiramat) erfolgversprechend, meist Kombitherapie nötig; häufig Therapieversagen. Neuartige Wirkstoffe in klinischer Prüfung.
- Erkrankung sehr selten: circa 1 : 15.000