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Weniger MS-Schübe durch hochdosiertes Vitamin D?

Kapseln mit Vitamin D auf Holztisch
Ein Vitamin-D-Mangel stellt einen Risikofaktor für Multiple Sklerose dar. | Bild: Cozine / AdobeStock

Menschen, die in Bereichen des Äquators leben, erkranken seltener an Multipler Sklerose (MS) als Menschen in Ländern, in denen es aufgrund von weniger Sonneneinstrahlung zu einem möglichen Vitamin-D-Mangel kommt. 

Ein Vitamin-D-Mangel ist ein Risiko für Multiple Sklerose, doch umgekehrt: Profitieren MS-Patienten ohne Vitamin-D-Mangel auch von hochdosiertem Vitamin D? Manchen Patienten mit einem ersten klinisch isolierten Syndrom (CIS) könnte Cholecalciferol (Vitamin D3) helfen.

Zur Erinnerung: Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn, das Rückenmark und die Nervenfasern betrifft. Weltweit leben rund 2,8 Millionen Menschen mit der Autoimmunerkrankung, bei der das eigene Immunsystem die Ummantelung (Myelinscheiden) der Nervenbahnen (Axone) angreift und beschädigt.  

Botschaften, die über die Nerven transportiert werden, kommen in der Folge immer langsamer und ohne medizinische Behandlung gar nicht mehr an. Diese Schädigungen äußern sich dann häufig in Symptomen wie Sehstörungen, Taubheitsgefühlen und Lähmungserscheinungen. Doch gibt es nicht „das eine“ typische Krankheitsbild. Symptome und Anzeichen können komplett unterschiedlich und für Außenstehende nicht direkt zu erkennen sein. MS wird daher auch als die Krankheit der 1.000 Gesichter bezeichnet.  

Häufig sind Koordinationsprobleme, Sehstörungen oder Lähmungen. Aber auch Gefühlsstörungen der Haut, die sich als Kribbeln, Missempfindungen oder Taubheitsgefühl äußern, sind möglich. Viele berichten von „Fatigue“, einem Zustand massiver, oftmals unerklärlicher und vor allem wiederkehrender Erschöpfung.

Studie: Hochdosiertes Vitamin D bei CIS

316 Patienten mit einem klinisch isolierten Syndrom (Clinically isolated Syndrome, CIS) – eine erste Episode neurologischer Symptome, die auf eine mögliche spätere MS hindeuten kann – erhielten innerhalb von 90 Tagen nach CIS-Diagnose entweder hochdosiertes Vitamin D (100.000 I.E. alle zwei Wochen) oder Placebo. 

Nach zwei Jahren hatte bei 94 Patienten (60,3 %) in der Vitamin-D-Gruppe und bei 109 Patienten (74,1 %) in der Placebogruppe die Krankheitsaktivität zugenommen. Mit einer Hazard Ratio (HR) von 0,66 hatten Patienten mit hochdosiertem Vitamin D ein um 34 % geringeres Risiko für eine Krankheitsprogression als Patienten mit Placebo. 

Die Number needed to treat (NNT) geben die Studienautoren mit 7,2 an, was bedeutet: Man müsste sieben CIS-Patienten Vitamin D in der untersuchten Dosis verabreichen, um bei einem das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern.

Unter Vitamin D: Langsameres Fortschreiten von CIS

Auch dauerte es unter Vitamin D etwa sieben Monate länger, bis es zur Progression (gemessen als Schub und/oder MRT-Aktivität) der Erkrankung kam (Vitamin D: 432 Tage vs. Placebo: 224 Tage). 

Keinen signifikanten Unterschied gab es bei den Schüben (17,4 % der Patienten unter Vitamin D und 21,8 % unter Placebo) und beim EDSS.

Zur Erinnerung: Was ist der EDSS?

Der EDSS (Expanded Disability Status Scale) bewertet den Schweregrad der Behinderung bei Patienten mit Multipler Sklerose. Die Skala reicht von null bis zehn (in 0,5er-Schritten) und bewertet Störungen in unterschiedlichen Funktionellen Systemen (FS) des Körpers:

  • Pyramidenbahn, z. B. Lähmungen
  • Kleinhirn, z. B. Störungen des Bewegungsablaufs, Tremor
  • Hirnstamm, z. B. Sprach- und/oder Schluckstörungen
  • Sensorium, z. B. verminderter Berührungssinn
  • Blasen- und Mastdarmfunktion, z. B. Harn- und/oder Stuhlinkontinenz
  • Sehfunktion, z. B. eingeschränktes Gesichtsfeld
  • Zerebrale Funktionen, z. B. Wesensveränderung, Demenz

Je nach Anzahl der betroffenen Funktionsbereiche und dem Ausmaß der Einschränkung erfolgt die Abstufung von EDSS null (keine Symptome, kein Funktionsbereich betroffen) bis EDSS zehn (Tod durch MS).

Die Studie fand in Frankreich statt. Die Patienten waren meist Frauen (70 %), im Median 34 Jahre alt, 40 % rauchten (Risikofaktor für MS) und 22,4 % litten ausgangs an einem schweren Vitamin-D-Mangel (< 30 nmol/L).

Hilft hochdosiertes Vitamin D vor allem bei milden CIS- oder MS-Verläufen?

Am meisten profitierten CIS-Patienten von Vitamin D, wenn sie bei der Diagnosestellung einen schweren Vitamin-D-Mangel aufwiesen. Auch war Vitamin D effektiver bei CIS-Patienten, die bei Studienbeginn keine Rückenmarksläsionen zeigten und keine Glucocorticoide zur CIS-Behandlung erhielten. 

Dr. F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine hält beide Faktoren – keine Rückenmarksläsionen sowie keine Steroide – für Hinweise auf eine „weniger schwere Erkrankung“ und überlegt, ob Vitamin D lediglich CIS-Patienten zu geben sei, bei denen die Erkrankung anfänglich „eher mild“ verläuft. Diese Überlegung hängt auch von einem möglichen Risiko einer hochdosierten Vitamin-D-Therapie ab – „es scheint verdammt sicher zu sein“, schreibt Wilson hierzu. 

Nur zwei Patienten entwickelten während der Studie eine Hypercalcämie (höhere Calcium-Spiegel im Blut) – und beide waren in der Placebo-Gruppe. Keiner der Patienten hatte eine schwere Hypercalcämie oder Nierenversagen, wobei es für die Suche nach Nierensteinen vielleicht noch etwas zu früh sei, so Wilson. Quellen:
- Thouvenot E, Laplaud D, Lebrun-Frenay C, et al. High-Dose Vitamin D in Clinically Isolated Syndrome Typical of Multiple Sclerosis: The D-Lay MS Randomized Clinical Trial. JAMA. Published online March 10, 2025. doi:10.1001/jama
- A Rare Win for Vitamin D — This Time in MS - Medscape - March 10, 2025