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ganz natürlich: Akupunktur: Mehr als nur ein Piks

Die Akupunktur besitzt in China und Japan eine lange Tradition. Erste Aufzeichnungen reichen bis 200 Jahre vor Christus zurück. Verwendet wurden damals vermutlich Steinnadeln oder Bambussplitter.

Lange Tradition

Im zweiten Jahrhundert nach Christus erstellte der chinesische Gelehrte Huangfu Mi mit seinem Buch „Der systemische Aku-Moxi-Klassiker“ das erste Nachschlagewerk hinsichtlich Lage und Wirkung der einzelnen Akupunkturpunkte. In Europa fand die Methode erst über ein Jahrtausend später ihren Einzug. Der Holländer Jacob de Bondt berichtete 1657 von seinen Erfahrungen aus Japan. Fast 30 Jahre später führte Dr. Willem ten Rhijne, der als Arzt in Ostindien arbeitete, den Begriff Akupunktur ein. Die ersten Behandlungsversuche erfolgten jedoch erst im Jahr 1809 durch den Pariser Arzt Louis Berlioz.

Der TCM entsprungen

Vielfach wird die Akupunktur mit der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) gleichgesetzt. Tatsächlich ist sie aber nur ein kleiner Teil davon. Allen Teilbereichen der TCM gemeinsam ist jedoch die Vorstellung, dass durch den Körper ein Energiestrom, das Qi, fließt. Kommt es zum Beispiel durch Stress, ungesunde Lebensweise oder falsche Ernährung zu einem Ungleichgewicht, kann das Qi nicht mehr ungehindert fließen. Dies kann zu bestimmten Symptomen oder zu einer manifesten Erkrankung führen. Ziel aller Maßnahmen ist, die Blockaden zu lösen und das Qi wieder zum Fließen zu bringen.

Energie-Autobahnen

Nach chinesischer Vorstellung wird der menschliche Körper von zwölf verschiedenen Hauptleitbahnen, den Meridianen, und acht außerordentlichen Leitbahnen durchzogen. Die Meridiane, auf beiden Körperseiten paarig vorhanden, sind auf der Körperinnenseite mit den inneren Organen und auf der Körperaußenseite mit den Extremitäten und Gelenken verbunden. Auf den Hauptmeridianen befinden sich sämtliche der knapp 400 Akupunkturpunkte, die heute bekannt sind. Durch Stimulation ausgewählter Punkte soll der Energiefluss entsprechend wieder ins Lot gebracht werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Aufzeichnungen zufolge kam die Akupunktur schon 200 Jahre vor Christus zum Einsatz, allerdings stieß sie in Europa erst im 19. Jahrhundert auf Interesse.
  • Die Wirkweise ist wissenschaftlich noch nicht hinreichend geklärt. Gemäß den Vorstellungen der TCM soll Akupunktur den Energiestrom Qi wieder zum Fließen bringen.
  • Circa 400 Akupunkturpunkte sind bekannt, die auf den Meridianen, den zwölf Hauptleitbahnen im Körper, lokalisiert sind.
  • Akupunktur kommt häufig in der Schmerzbehandlung zum Einsatz, auch in der Schwangerschaft und bei Störungen des vegetativen Nervensystems, z.  B. bei Schlafstörungen.

Behandlungsablauf

Nach gründlicher Anamnese mittels Zungendiagnose, Pulstastung oder Palpation (Betasten) der Punkte weiß ein erfahrener Akupunkteur, welche Bereiche sich im Ungleichgewicht befinden. Meist wird während einer Sitzung eine bestimmte Kombination an Punkten genadelt, die mit den betroffenen Organen oder Organsystemen in Zusammenhang stehen. Dazu werden dünne Einmal-Akupunkturnadeln aus Gold, Silber oder Stahl verwendet, die meist nur einige Millimeter tief in die Haut gestochen werden. Einige Punkte erfordern aber auch eine größere Stichtiefe.

Nach dem Einstich ist oft ein Schwere- oder Wärmegefühl, das sogenannte De-Qi-Gefühl, spürbar. Die TCM-Lehre führt dies auf eine exakte Nadelung beziehungsweise die einsetzende Wirkung zurück. Die Nadeln verbleiben in der Regel für circa 20 Minuten an Ort und Stelle. Allerdings können in dieser Zeit verschiedene wirkungsverstärkende Manipulationen, wie etwa Drehen, Klopfen oder Auf- und Abwärtsbewegen der Nadeln, durchgeführt werden.

Zusätzlich kommt nicht selten auch die Moxibustion zum Einsatz. Hierfür werden Moxazigarren, Moxarollen oder Kegel aus getrocknetem japanischen Beifußkraut verwendet. Die Rollen beziehungsweise Kegel werden dabei auf die Nadeln aufgesetzt und vorsichtig abgebrannt. Die Moxazigarre dagegen wird möglichst nahe an die jeweiligen Akupunkturpunkte gehalten, solange es für den Patienten angenehm ist. Durch die Erwärmung der Nadeln oder Punkte können Leere- und Kältezustände behandelt werden.

Um erste Erfolge zu verzeichnen, sind in der Regel rund zehn Behandlungseinheiten über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten notwendig.

Mögliche Wirkungsmechanismen

Die Wirkweise der Akupunktur ist wissenschaftlich noch nicht hinreichend geklärt. Allerdings existieren verschiedene Hypothesen zu möglichen Wirkmechanismen. Eine davon ist die Freisetzung von Endorphinen. Diese fungieren als körpereigenes Schmerzmittel, indem sie die Schmerzweiterleitung an das Schmerzzentrum im Gehirn blockieren. Manche Studien gehen davon aus, dass allein der Einstich der Nadeln das Nukleosid Adenosin freisetzt und dieser Botenstoff unter anderem eine schmerzlindernde Wirkung aufweist. Diese These würde die Vermutung stützen, dass bereits eine Schmerzlinderung herbeigeführt werden kann, auch wenn der Punkt nicht exakt getroffen wurde.

Viele Einsatzmöglichkeiten

Akupunktur kommt inzwischen in vielen Bereichen zum Einsatz. Bevorzugt wird sie jedoch in der Schmerzbehandlung eingesetzt. Rückenbeschwerden, Migräne, Menstruationsbeschwerden oder Gelenkschmerzen sind nur ein Teil der möglichen Behandlungsgebiete.

Immer häufiger wird die Akupunktur während Schwangerschaft und Geburt angewendet. Hebammen oder Ärzte akupunktieren nicht selten bei Ischiasproblemen während der Schwangerschaft, aber auch um die Wehentätigkeit anzuregen oder Geburtsschmerzen zu lindern.

Hin und wieder wird Akupunktur bei Störungen des vegetativen Nervensystems eingesetzt. Nervöse Unruhe, Schlafstörungen oder auch Stimmungsschwankungen gehören zu den möglichen Krankheitsbildern. Ebenso zeigen sich bei Übelkeit und Erbrechen gute Erfolge. So ließ sich beispielsweise beobachten, dass bei Anwendung von Akupunktur vor einer Operation nicht nur das Narkosemittel, sondern auch die Übelkeit nach der Narkose verringert werden konnte.

Nebenwirkungen

Akupunktur hat sich in der Praxis als recht nebenwirkungsarm erwiesen. Dennoch können vereinzelt leichte Reaktionen wie Hautrötungen, leichte Einblutungen an der Einstichstelle oder Entzündungen auftreten – besonders beim Einsatz von Dauernadeln, die bei bestimmten (chronischen) Beschwerden für circa ein bis zwei Wochen am Ohr verbleiben und vom Patienten für die Stimulation der Akupunkturpunkte selbst bewegt werden. 

Schwindel oder Kreislaufprobleme zeigen sich manchmal bei entsprechend veranlagten Patienten oder bei Kombination bestimmter Akupunkturpunkte. Ist dies bei einem Patienten bekannt, sollte dieser bevorzugt im Liegen behandelt werden. Um eine versehentliche Wehenauslösung zu vermeiden, sollte bei Schwangeren eine Nadelung der Bauchgegend und des unteren Rückens ausschließlich von entsprechend geschulten Therapeuten, wie zum Beispiel einer Hebamme, durchgeführt werden.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Nach dem Einstich können Sie ein leichtes Wärmegefühl spüren. Dies kann ein Zeichen sein, dass der richtige Punkt getroffen wurde und die Behandlung wirkt.“
  • „Keine Angst vor der Anwendung: Die Akupunkturnadeln werden meist nur einige Millimeter tief in die Haut gestochen und bleiben dort in der Regel für circa 20 Minuten.“
  • „Die Behandlung ist nebenwirkungsarm. Manchmal treten jedoch an der Einstichstelle leichte Rötungen oder Einblutungen auf. Da Sie blutverdünnende Medikamente einnehmen, sollten Sie vor einer Akupunkturbehandlung mit Ihrem Hausarzt Rücksprache halten.“
  • „Sie leiden unter chronischen Kniegelenksschmerzen? In dem Fall wird sich Ihre Krankenkasse höchstwahrscheinlich an den Behandlungskosten beteiligen.“

Wer behandelt, wer bezahlt?

Die Ausbildung zum Akupunkteur ist in Deutschland nicht einheitlich geregelt. Durchführen dürfen sie allerdings nur bestimmte Berufsgruppen. Dazu zählen Ärzte, Heilpraktiker und Hebammen. Entsprechend variiert das Niveau der Behandler. Patienten können sich bei der Suche nach einem geeigneten Therapeuten bei den Akupunkturgesellschaften wie etwa der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur e.V. (DÄGfA), der Deutschen Akupunktur Gesellschaft oder der Deutschen Gesellschaft für Akupunktur und Neuraltherapie e.V. (DGfAN) erkundigen. Diese geben für ihre Mitglieder fest geregelte Ausbildungen vor und führen zudem Listen mit geschulten Therapeuten.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen bei wenigen Krankheitsbildern die Kosten. Dazu zählen chronische Kniegelenksschmerzen und chronische Rückenschmerzen. Alle anderen Behandlungen müssen aus eigener Tasche bezahlt werden. Pro Sitzung ist – je nach Behandlungsumfang – mit circa 30 bis 60 Euro zu rechnen.

Hier bitte nicht!

Es bestehen wenige Kontraindikationen hinsichtlich einer Akupunkturbehandlung. Menschen, die an einer angeborenen Gerinnungsstörung leiden oder blutgerinnungshemmende Medikamente einnehmen, zum Beispiel mit den Wirkstoffen Phenprocoumon, Apixaban oder Rivaroxaban, sollten auf die Nadelung besser verzichten. Auch sollte bei Menschen, die an schweren psychischen Störungen leiden, von einer Behandlung abgesehen werden. Bei Epileptikern, Schwerkranken sowie bei chronischen Hauterkrankungen ist ebenfalls Vorsicht geboten.

Nicole Schlesinger

Apothekerin, Heilpraktikerin und Fachjournalistin (FJS)

Pöcking

autor@ptaheute.de