In der Apotheke werden PTA mit den unterschiedlichsten Themen konfrontiert. Lesen Sie hier die tagesaktuellen News aus den Bereichen Pharmazie, Forschung, Ernährung, Gesundheit und vielem mehr. Bleiben Sie informiert, um Ihre Kunden stets kompetent zu beraten.
Leseprobe PTAheute 21/2021: Drogensucht – Kein gerader Weg

Es gibt sie einfach, diese Momente in der Apotheke, in denen man sich als PTA oder Apotheker sehr unwohl fühlt: Ein Drogenabhängiger verlangt nach einer kleinen Anzahl Spritzen und Kanülen. Wie geht man damit um? Das Thema offen ansprechen? Wie kann man auch hier beraten?
Projektvorschlag von Schülern
Auf derartige Situationen kann man PTA in der Ausbildung nur schwer vorbereiten, hier hat der Kundenkontakt sehr viele Facetten. An der Sabine-Blindow-Schule in Hannover gab es im vergangenen Schuljahr eine kleine Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die sich aus unterschiedlichen Gründen näher mit diesem komplexen Thema befassen wollten, sodass daraus ein Projekt entstand. Zunächst wurden die pharmakologischen Aspekte beleuchtet, dann der illegale Umgang und die weitreichenden sozialen Folgen. Schließlich erstellten die Schüler eine Umfrage, die sie mit Abhängigen durchgeführt haben. Ziel des Projektes war zu lernen, ob und wie man drogensüchtigen Kunden in der Apotheke helfen kann. Dazu entwickelten sie dann auch einen Handzettel (siehe Kasten).
Dr. Annette Abhau ist Apothekerin und die Lehrerin, die das Projekt zusammen mit ihren Schülern in Angriff nahm. „Ich arbeite selbst regelmäßig in der Apotheke und habe auch nach jahrelanger Berufserfahrung immer noch Schwierigkeiten, die Erwartungen und den Beratungsbedarf dieser Kunden einzuschätzen“, berichtet sie. Denis Hohendorf ist Soziologe und absolviert derzeit seine PTA-Ausbildung in Hannover. Nebenher arbeitet er als Streetworker und hat somit viel Kontakt mit Drogensüchtigen. Er war es auch, der die Idee hatte, einen Fragebogen zu erstellen, um den Beratungsbedarf dieser Menschen zu ermitteln. Gemeinsam mit Emanuel Magioglou, Nadine Kunze-Schulz, Sandra Wendtland und Artem Tatarikov entwarfen sie einen Fragebogen, der auch Dank eines spendierten Kaffees eine hohe Rücklaufquote erzielte. „Obwohl aufgrund der Kleinheit der Grundgesamtheit des ausgewählten Klientels auf die Auswertung mithilfe statistischer Tests verzichtet wurde, zeichneten sich schnell bestimmte Tendenzen ab, bei denen es sich lohnt, sie näher zu betrachten und zu diskutieren“, erklärt Emanuel Magioglou, der gemeinsam mit Nadine Kunze-Schulz und Denis Hohendorf die Auswertung übernahm.
Handzettel für die Beratung
Die angehenden PTA aus Hannover haben einen Handzettel zur Weitergabe an drogenabhängige Kunden entwickelt. Darauf sind neben vielen Informationen auch Anlaufstellen für Beratungen zu finden. Außerdem gibt es Platz für individuelle Notizen.
Möglichkeit, mit den Kunden ins Gespräch zu kommen
Der Handzettel bietet die Möglichkeit, mit Drogenabhängigen ins Gespräch zu kommen. Er soll Anknüpfungspunkte für ein Gespräch bieten und den Kunden zeigen, dass Apotheken kompetente Ansprechpartner auch in diesem Bereich sind.
Einfach falten und direkt abgeben
Der Handzettel kann hier heruntergeladen werden. Er ist so konzipiert, dass eine DIN-A4-Seite vorne und hinten bedruckt wird. Anschließend wird die Seite in Dritteln geknickt, sodass am Ende das Deckblatt vorne und das Stempelfeld hinten ist
Auswertung des Fragebogens
„Insgesamt haben 43 Personen unseren Fragebogen ausgefüllt“, freuen sich die Schülerinnen und Schüler. Er umfasst 27 Fragen zum Thema Drogensucht, zu den Hintergründen der Abhängigkeit und möglichen Wegen, den Abhängigen zu helfen oder präventiv tätig zu werden. Außerdem ging es darum, Hilfsangebote für Betroffene zu verbessern und die Rolle der öffentlichen Institutionen, Arztpraxen, Selbsthilfegruppen sowie die Betreuung durch Sozialarbeiter und insbesondere die Rolle der Apotheken zu beleuchten.
Die befragten Personen waren unter anderem Besucher einer Drogenhilfe-Einrichtung, viele von ihnen waren zum Zeitpunkt der Befragung obdachlos. Die meisten Teilnehmer waren Männer. Die Auswertung des Fragebogens ergab, dass zwar fast alle Altersklassen vertreten sind, jedoch ist ein Peak zwischen dem 40. und 55. Lebensjahr zu verzeichnen. Viele der Befragten gaben auch Gründe für ihre Suchterkrankung an, wobei Gewalt und traumatische Erlebnisse eine bedeutende Rolle spielen. In Sachen Bildung ging aus der Umfrage hervor, dass die meisten der Befragten einen Haupt- oder Realschulabschluss haben. Des Weiteren haben viele Umfrageteilnehmer eine begonnene oder abgeschlossene Berufsausbildung, die wenigsten haben keine Berufsausbildung. Allerdings gingen etwa drei Viertel der Teilnehmer zur Zeit der Befragung keinem Beruf nach und hatten daher finanzielle Probleme. Annette Abhau berichtet von ihren Erfahrungen aus der Apotheke: „Man kann und darf Süchtige nicht grundsätzlich als Menschen ohne festen Wohnsitz oder als verantwortungslos einstufen. Es gibt auch süchtige Mütter und Väter, die ansonsten einen ganz normalen Alltag haben. Es kommt dabei auch auf die Art der Drogen und die finanzielle Situation der Betroffenen an.“
Die Apotheke kommt im Kosmos der Klientel nicht vor
Bei der Frage nach den Personengruppen bzw. Institutionen, von denen sich die Abhängigen die meiste Hilfe versprechen, wurden vor allem Ärzte und Therapeuten genannt – die Apotheke kommt im Bewusstsein der Abhängigen quasi nicht vor. „Diese Aussage ist aus Sicht der Apotheke natürlich niederschmetternd“, erklärt Emanuel Magioglou. „Allerdings kann die Antwort auf diese Frage auch als Aufforderung an uns verstanden werden, aktiv zu werden und als kompetente Berater und Anlaufstelle wahrgenommen zu werden“, meint Hohendorf. „Vielleicht können wir in der Apotheke den einen oder anderen sogar dabei unterstützen, wieder in ein Leben ohne Drogen zurückzufinden“, ergänzt Sandra Wendtland.
Die Auswertung der Frage nach den Erwartungen an die Apotheke ergibt, dass die betreffende Klientel von der Apotheke vor allem Anonymität, Verständnis und eine schnelle Bedienung erwartet. Kompetenz wird eher erwartet als gefordert und die Erwartung an Hilfsangebote seitens der Apotheke ist entweder nicht hoch oder gar nicht vorhanden. „Gezielte Informationen zu Nebenwirkungen, Substitutionsärzten oder Substitutions-Schwerpunkt-Apotheken würden sicher gut aufgenommen werden“, meint Denis Hohendorf. Allerdings gaben bei der Befragung viele Abhängige an, nicht an unaufgeforderter Aufklärung interessiert zu sein. Auf der anderen Seite erwarten sie aber Kompetenz – ein Zwiespalt. „Fachwissen wird von Süchtigen zwar honoriert, sie verschafft einem Respekt. Aber das pharmazeutische Personal taucht im Kosmos dieser Klientel eigentlich nicht auf – und wenn, dann als Verkäufer“, meint auch Emanuel Magioglou. So niederschmetternd das auch klingen oder wirken mag, ist das Fazit von Denis Hohendorf dennoch eindeutig positiv: Er sieht für die Apotheken eine Chance darin, ein Angebot zu schaffen, nach dem es bis jetzt noch keine oder eine eher geringe Nachfrage gibt.
Es fehlt vor allem an Vertrauen
Viele Abhängige gaben an, sich in der Apotheke eher unwohl zu fühlen. Natürlich kann das zum einen an der Apotheke liegen, zum anderen aber auch daran, dass diese Kunden oft mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Aus der Auswertung des Fragebogens ging hervor, dass es vor allem an Vertrauen zum Apothekenpersonal mangelt.
Was wollen die Abhängigen wissen?
Viele Abhängige möchten gerne mehr über die Wirkungen und Nebenwirkungen ihrer Drogen erfahren. „Sie machen sich trotz der offenkundigen Gefahren des illegalen Drogenmissbrauchs offenbar recht viele Gedanken um ihre Gesundheit“, so Emanuel Magioglou. Die einfachste und plausibelste Möglichkeit wäre natürlich, an einem Ausstiegsprogramm teilzunehmen und mithilfe qualitativ hochwertiger Substitutionsmittel clean zu werden. Aber dieser Schritt liegt für viele in weiter Ferne. Daher ist es für PTA durchaus sinnvoll, Details über die Probleme des illegalen Drogenkonsums zu kennen, um die Kunden ganz niederschwellig dort abzuholen, wo sie stehen. „Das Apothekenpersonal sollte geschult werden, sowohl was die Tricks der Süchtigen betrifft als auch, was Rezeptfälschungen angeht“, so Denis Hohendorf. So wird Levamisol, ein Anthelminthikum aus der Tiermedizin, in Südamerika gerne als Streckmittel für von dort gelieferte Drogen – beispielsweise Kokain – eingesetzt. Dass dieses Streckmittel bei der nicht vorgesehenen intravenösen Anwendung zu schwerwiegenden und unvorhersehbaren Nebenwirkungen führen kann, liegt auf der Hand.
Fentanyl-Pflaster werden ausgekocht
Auch über den aus pharmazeutischer Sicht inakzeptablen Umgang mit Fentanyl-Pflastern sollte man informiert sein: Da die Qualität des auf der Straße erhältlichen Heroins oft sehr schlecht ist, greifen viele Abhängige auf die Fentanyl-Pflaster zurück. Diese werden in kleine Stücke geschnitten und zusammen mit Wasser und Ascorbinsäure ausgekocht. Das so gelöste Fentanyl wird dann intravenös appliziert. Dies birgt natürlich die Gefahr einer Überdosierung, schließlich ist der Wirkstoffgehalt auf einem Pflasterschnipsel unvorhersehbar. Abgesehen davon werden alle aus dem Pflaster gelösten Hilfsstoffe mit injiziert.
Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang: Als Altmedikamente in der Apotheke abgegebene Fentanyl-Pflaster müssen unbedingt richtig entsorgt werden. Denn, das Kleinschneiden oder Zusammenkleben der Klebeflächen schließt einen Missbrauch noch nicht aus. Besser ist es, abgegebene Arzneimittel so zu entsorgen, dass niemand die Wirkstoffe aus den Pflastern zurückgewinnen kann. Alternativ kann ein Vorhängeschloss an der Apothekenmülltonne dafür sorgen, dass niemand auf „Schnipselsuche“ gehen kann. Oder man übergießt die Pflaster mit einem alten Joghurt, etwas Öl oder Ähnlichem, um sie unbrauchbar zu machen.
Vorsicht bei der Abgabe von Ammoniak oder Natron
Beim Wunsch nach Ammoniak, dessen Abgabe als Chemikalie unter die Gefahrstoffverordnung fällt, sollte auch immer an die missbräuchliche Anwendung von Kokain gedacht werden: Mithilfe von Ammoniaklösung wird aus Kokainhydrochlorid die freie Base freigesetzt, die anschließend als Crack geraucht wird. Da in diesem Fall auch Ammoniakdämpfe mit inhaliert werden, werden so die Atemwege zusätzlich geschädigt. Alternativ wird daher in der Drogenszene und im Internet Natriumhydrogencarbonat empfohlen, das in Backpulver in jedem Lebensmittelgeschäft erhältlich ist.
Umgang mit gefälschten Rezepten
Auch nach den Einstiegsdrogen hat die Projektgruppe aus Hannover ihre Umfrageteilnehmer befragt. Sowohl der steigende Konsum von Alkopops bei Jugendlichen als auch die Freigabe des Konsums von Cannabis sollten vor dem Hintergrund des Drogeneinstiegs kritisch beleuchtet werden, sind sich die Schülerinnen und Schüler einig. Beim Thema Strafverfolgung und Rezeptfälschung gaben viele der Befragten an, dass die Strafen wegen Drogenmissbrauch hart seien, die für gefälschte Rezepte hingegen nicht hart genug. „Das kann so interpretiert werden, dass sich die Klientel davon eine gewisse abschreckende Wirkung erhofft“, schlussfolgert Artem Tatarikov. Dennoch gibt laut Umfrage die Mehrheit der Süchtigen an, dass sie nicht möchten, dass jedes gefälschte Rezept sofort zur Anzeige gebracht wird. „Dieses Verhalten könnte man als Inkonsequenz der Abhängigen in den verschiedensten Lebensbereichen interpretieren“, meint Emanuel Magioglou und ergänzt: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“
Im Fragebogen gingen die angehenden PTA auch auf den Ausstieg aus der Abhängigkeit ein. „Die meisten Abhängigen haben bereits mehrfach versucht, clean zu werden“, weiß Denis Hohendorf zu berichten. „Etwas weniger als die Hälfte nimmt an einem Drogenausstiegsprogramm teil und fast alle möchten an ihrem Leben etwas ändern“, bestätigen die Ergebnisse der Umfrage auch seine Eindrücke als Streetworker. „Gerade diese Antworten beflügeln die Hoffnung, dass wir in der Apotheke dazu beitragen können, den abhängigen Menschen wieder in ein geregeltes Leben zu helfen bzw. das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen und nicht länger Opfer der eigenen Sucht zu sein“, schlussfolgert Sandra Wendtland. Das führte im Team der Schülerinnen und Schüler zur Frage, wie denn nun ganz konkret geholfen und ein positives Beratungsgespräch mit den Abhängigen geführt werden kann. „Ich denke, dankbare Themen sind die Wundversorgung und die Hygiene“, stellt Lehrerin Annette Abhau fest. „Ich werde zukünftig versuchen, hier Anknüpfungspunkte für eine Beratung zu finden, und fragen, ob möglicherweise auch ein Desinfektionsmittel, sterile Pflaster oder Binden benötigt werden, wenn Drogenabhängige in der Apotheke einzelne Nadeln und Kanülen von mir haben möchten.“ Zum Thema Nadeln weiß Denis Hohendorf Folgendes zu berichten: „Es gibt unterschiedliche Stellen, in die Drogen injiziert werden können. Je länger die Nadel, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Person die Injektion in der Leistengegend setzt. Diese Stelle birgt jedoch ein hohes Blutungsrisiko und man sollte dringend davon abraten.“ Die Empfehlung sollte eindeutig zu kurzen und dünnen Nadeln gehen, deren Einmalgebrauch zu betonen ist. Auch der Hinweis auf eine gültige Tetanusimpfung sowie einen Impfschutz gegen Hepatitis B sollte nicht fehlen. Aber ist „Empfehlung“ hier wirklich das richtige Wort? „Durch meine Arbeit auf der Straße kann ich sagen: Ja. Ich nehme die Sucht erstmal hin und leiste in der Apotheke sozusagen Erste Hilfe. Erst dann biete ich Hilfe zur Heilung an“, so Denis Hohendorf. „Die sterilen Spritzen und Kanülen heilen Süchtige nicht, aber durch den Hinweis auf den einmaligen Gebrauch schützt man sich wenigstens vor Krankheiten wie HIV oder Hepatitis B“, weiß er.
Wie ist das denn eigentlich mit Selbsthilfegruppen? „Die sind eher weniger beliebt, die Süchtigen haben genug mit sich selbst zu tun und wollen sich nicht auch noch mit anderen beschäftigen. Außerdem haben sie oft Angst, dass andere sie wieder runterziehen. Und sie glauben, sie würden die Infos aus den Selbsthilfegruppen eh schon kennen“, stellt Hohendorf fest.
Alle haben viel gelernt
Nicht nur die angehenden PTA haben im Zuge dieses Projektes viel gelernt. „Kompetenz zeigen und dem Abhängigen auf Augenhöhe begegnen – diese Aspekte ziehe ich persönlich aus diesem Projekt“, so Annette Abhau. „Ich habe gelernt, dass sich auch bei einer so speziell und schwierig anmutenden Klientel ein seriöses und unverfängliches Beratungsthema finden lässt, das für das Gegenüber von Hintergrundwissen und Kompetenz zeugt“, stellt die Lehrerin fest. „Das Projekt stellt sicher keine vollumfängliche sozialpharmazeutische Beleuchtung dieses Themas dar, ist aus meiner Sicht jedoch ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung: Jedem Kunden kann man in der Apotheke das Gefühl vermitteln, willkommen und eine Beratung wert zu sein. Das unterscheidet uns von vielen anderen Institutionen und erst recht vom Internet.“ Die Schülerinnen und Schüler pflichten ihr bei. „Andererseits vermitteln wir als Apotheke auch klare Grenzen, indem jeder Rechtsbruch und jede Straftat der Polizei gemeldet werden“, sind sich ebenfalls alle einig. „Diese Klarheit ist häufig das, was diese Klientel dringend braucht und in deren Leben abhandengekommen ist“, ergänzt Denis Hohendorf.
Der Fragebogen und die Auswertungen sind über die Autoren erhältlich: autor@ptaheute.de.
Das Wichtigste in Kürze
- Die angehenden PTA der Sabine-Blindow-Schule in Hannover haben gemeinsam mit ihrer Lehrerin einen Handzettel für drogenabhängige Menschen erarbeitet.
- Die Schüler diskutierten, wie sie Apotheken als Anlaufstelle
für die Hilfe im Kampf gegen die Sucht mehr in den Fokus rücken können. - In einer Umfrage wurde ermittelt, was sich Betroffene von der Apotheke wünschen und welchen Eindruck sie vermittelt.
Die Autoren
- Dr. Annette Abhau, Apothekerin, Syke
- Denis Hohendorf, PTA-Schüler, Soziologe, Hannover
- Emanuel Magioglou, PTA-Schüler, Hannover